Thema: Transfer
22. Oktober 2019

Nicht geschimpft ist gelobt genug!

Kommt Ihnen dieser Satz bekannt vor?

Bis heute spiegelt er in vielen Firmen die praktisch erlebbare Unternehmenskultur wider: In kaum einem anderen Bereich driften Theorie und Praxis häufig so weit auseinander.

Auf den großen Tafeln der Unternehmensphilosophie lesen wir oft Sätze wie: „Unsere Mitarbeiter sind unser wichtigstes Gut, daher arbeiten wir auf Basis der gegenseitigen Wertschätzung.“ So oder so ähnlich hat es der Vorstand oder Inhaber eines schönen Tages niedergeschrieben. Doch was steckt dahinter?

 

Die gängige Praxis in den meisten Unternehmen

Hakt man an dieser Stelle nach, verweisen die Unternehmen gerne auf ein überdurchschnittliches Gehalt, zahlreiche Sozialleistungen und ein Firmenfahrzeug. Das sollte doch Wertschätzung genug sein! Solche Leistungen sind allerdings immer fester Vertragsbestandteil. Was haben Verhandlungsgegenstände mit individueller Wertschätzung zu tun?

Es gibt aber auch noch andere Wege, Mitarbeitern vermeintliche Wertschätzung entgegenzubringen. Unternehmen, die sich gerne so richtig modern geben, sind für bestimmte Onlinedienste eine sichere Einnahmequelle. Sogenannte Lobplattformen haben es sich zur Aufgabe gemacht, mithilfe eines Punktemodells virtuelles Lob zu verteilen: Jeder virtuelle Applaus und jedes ‚Bravo‘ zahlt Punkte auf ein Konto ein, die man gegen definierte Leistungen eintauschen kann. Ein Payback- Modell für Belobigungen!

Die Jäger und Sammler unter uns mag das freuen – der Gedanke der Wertschätzung gerät dabei jedoch völlig ins Hintertreffen.

 

Echte Wertschätzung: Der Unterschied zwischen Lob und Kompliment

Individuelles Lob hat nichts mit Prämien oder tosendem Beifall zu tun, sondern mit ehrlich gemeinter Wertschätzung. Und das geht ganz kostenlos und ohne digitalen Aufwand – versprochen!

Wertschätzung bedarf einfach nur eines persönlichen Gesprächs, in dem man seinen Gegenüber durch schlichte Worte lobt: Kommunikation in ihrer ursprünglichen Form.

Gerade im digitalen Zeitalter stehen viele an diesem Punkt vor einer echten Herausforderung. Persönliche Gespräche werden heute oft durch Nachrichten oder Kommunikationstools ersetzt. So kommt auch das Lob viel zu kurz. Wir haben schlichtweg vergessen, wie loben eigentlich funktioniert.

 

Loben kann man üben!

Ein ganz wichtiger Grundsatz für Lob ist: Es geht um nachhaltige Wertschätzung, nicht um einen Komplimente-Marathon. Wir werfen also nicht einfach nur mit positiven Bemerkungen um uns, sondern drücken aus, was genau wir gut finden und vor allem weshalb. Ähnlich dem Feedback hilft Lob nämlich genau deshalb weiter: Weil wir der anderen Person sagen, was sie damit erreicht hat. Denn nur, wenn Sie das Lob begründen, bleibt es auch hängen!

Und weil nachhaltiges Lob so wichtig ist, baue ich es regelmäßig in meine Trainings ein. Dazu stellen sich die Teilnehmer zu zweit auf und einer beginnt, dem anderen gegenüber seine Wertschätzung auszudrücken und begründet dies. Nach 30 Sekunden findet jeweils ein Wechsel statt und nach 2 Minuten ist die Übung beendet. Am Anfang kann es etwas holprig sein, aber mit jeder Wiederholung fällt es leichter. Eine kurze Einheit mit nachhaltiger Wirkung: Jeder Teilnehmer spricht mehrfach Lob aus und erhält selbst welches.

 

Im Unternehmensalltag sind wir es gar nicht gewohnt, so direkt und häufig unsere Wertschätzung auszudrücken oder Lob anzunehmen. Gerade deshalb sind solche Übungen sehr wertvoll. Wir lernen, Lob in unseren Alltag zu integrieren und als ganz natürlich anzusehen.

Sie können den positiven Effekt direkt spüren, die Motivation steigt merklich und auch ich als Trainer profitiere davon: Was gibt es Schöneres, als vor einer Gruppe zu stehen und in lauter strahlende Gesichter zu sehen?