Thema: Transfer
15. Oktober 2019

Von Erdspalten und Datenbanken

Wir befinden uns im Delphi des antiken Griechenlands. Ab dem 8. Jahrhundert vor Christus gab es hier ein Heiligtum, in dessen Innerem sich eine Erdspalte befand. Eine Priesterin atmete die Gase ein, die aus dieser Erdspalte strömten und konnte so die Zukunft vorhersagen – in meist etwas wirren Worten. Das Orakel von Delphi war geboren!

Diese Methode einer prognostizierten Zukunft konnte sich langfristig durchsetzen: Bis zum 4. Jahrhundert nach Christus schenken die Menschen dem Orakel und seinen Prophezeiungen Glauben.

Aber was hat das Ganze mit uns zu tun?

 

Das Orakel der Neuzeit

In der heutigen Zeit sind die Priester Datenanalysten und durchpflügen die sogenannten Datawarehouses, um ebenfalls statistisch vertretbare Prophezeiungen zu erstellen. Das nennt man Data-Mining.

Binnen der letzten 3000 Jahre haben sich also die Interessen kaum verändert. Wir sind noch immer am Verlauf der Zukunft interessiert, um uns entsprechend strategisch klug zu rüsten für das, was denn da kommt. Auch der Vergleich des griechischen Feldherrn mit einer modernen Führungskraft lässt einige Parallelen erkennen.

Die delphischen Prophezeiungen und die daraus resultierenden mehr oder weniger belastbaren Aussagen waren oft sehr kryptisch und vielseitig auslegbar. Wie sieht das mit den neuzeitlichen Zukunftsprognosen aus?

 

Die Qualität heutiger Prognosen

Die doch sehr metaphorischen Vorhersagen des Orakels sind heute wissenschaftlichen Prognosen gewichen, die wir mithilfe mathematischer Grafiken, Heatmaps und Prozentzahlen darstellen. Das lässt auf Rationalität und Verlässlichkeit schließen. Trügerischer Schein oder Tatsache?

Meist haben die Vorhersagen heute eine deutlich höhere Trefferquote als in Delphi, da sie sich auf eine Vielzahl von Studien und Berechnungen stützen. Dennoch sind und bleiben die aus der Zahlenjonglage resultierenden Prognosen der Analysten Annahmen.

Auf diese Annahmen stapeln Datenanalysten mit Vorliebe noch weitere Annahmen, womit auch die Unschärfe der daraus folgenden Prognosen ähnlich einer professionellen Flüsterpost immer weiter zunimmt. Daraus entsteht ein Datenmodell, das allerdings mit der anfänglichen Aussage nicht mehr viel zu tun hat. Dieses Modell lässt sich problemlos in Grafiken und klaren Aussagen konzentrieren – realistischer wird es deswegen jedoch nicht.

Solche orakelisierte Prognosen gipfeln dann in unumstößliche Dogmen, wenn sie auf ihrem Weg durch die hierarchischen Instanzen immer weiter individualisiert werden.

 

Wie kann man diesem Dogmatismus entkommen?

Ein wichtiger Grundsatz in dieser delphischen Angelegenheit: Akzeptieren Sie nicht alles stumm und fromm, was in PowerPoint gegossen wurde und mit einer großen Anzahl komplexer Excel-Grafiken garniert ist. Bleiben Sie stattdessen neugierig und hinterfragen: Was wissen wir exakt und was nur ungenau? Worauf basieren die Daten, mit denen hier gearbeitet wurde?

Und merken Sie sich einen weiteren Leitsatz: Es ist keine Schande etwas nicht zu wissen. Sich jedoch mit Scheintatsachen zu umgeben, kann gefährlich werden und ist genauso vieldeutig wie eine Aussage der Priesterin im alten Griechenland.

Übrigens: Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass einer größten Datenbankanbieter ausgerechnet Oracle heißt? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…